Im Hinblick auf das Hochschnellen des Murianer Pulses angesichts des bevorstehenden Jahrtausendjubiläums des Klosters Muri im Jahr 2027 bereitet Puls von Muri emotional auf diesen wichtigen Höhepunkt vor. Eine tausendjährige Geschichte gibt Anlass dazu, sowohl zurück als auch nach vorne zu blicken. Um einen Höhepunkt vielleicht auch als Wendepunkt sehen und aus Reflexionen Visionen entwickeln zu können, ist es essenziell auch emotional dazu in der Lage zu sein. Schon in der griechischen Antike bewährte sich hierzu beispielsweise der Theaterbesuch als gängige Praxis und Strategie: Indem man das auf der Bühne Gespielte in sich selbst emotional nachempfand, konnten Emotionen schliesslich auch abgestreift werden. Man nannte diesen Prozess Katharsis und meinte damit die Reinigung der Seele von Erregungszuständen.
In der Murianer Ruhestätte der Herzen des letzten Habsburger Kaiserpaares pocht in den nächsten zwei Jahren nicht nur die Geschichte durch die Klostermauern, sondern auch der Puls des Anthropozäns. Gerade unsere Gegenwart mit multiplen Krisen und Transformationsprozessen ist emotional stark aufgeladen und sorgt in vielerlei Hinsicht für erregte Gemüter. Oft bleibt im hektischen Alltag keine Zeit oder bietet sich kein Raum, sich diesen manchmal auch unschönen Emotionen zu stellen und sich ihrer wieder zu entledigen, indem sie aktiv durchlebt werden. Puls von Muri möchte Ohnmachtsgefühlen, Nostalgie und Aufbruchsstimmungen gleichermassen musikalisch Rechnung tragen und die Herzen in Muri ganz im Sinne der Katharsis zum Pulsieren bringen.

Heimatlos verlässt ein fremder Wanderer in Franz Schuberts Liederzyklus Winterreise nach Gedichten von Wilhelm Müller des Nachts Stadt und Geliebte und zieht ohne Ziel hinaus in die eisige Kälte des Winters. Kein leichter und unbeschwerter Spaziergang erwartet ihn, vielmehr setzt er sich den mannigfaltigen Launen des Winters aus, die seine eigenen Seelenzustände auf bizarre Weise versinnbildlichen, in den Fokus rücken und zu einer Grundstimmung verschwimmen lassen, die den düsteren und melancholischen Ton der Winterreise bestimmt. Was auf den ersten Blick wie eine einfache Liebesgeschichte anmutet, entpuppt sich zunehmend als eine komplexe Reise metaphysischen Ausmasses. Wohin diese Reise letztlich führt, bleibt offen.
Wer in solch kargen Szenarien unterwegs ist, kommt nicht umhin hier und dort eigenen Ängsten zu begegnen und Strategien zu entwickeln mit Angst umzugehen. Einerseits können Schneestürme unbequeme Fragen aufwirbeln, andererseits können Stille und glattes Eis für Introspektion, Transparenz und Richtung sorgen. Im Rahmen von Puls von Muri wird die Frage gestellt, was Winter heute meint und wer sich wie auf eine Reise durch diesen begibt. Lässt das Klima von heute noch Winter zu? Wie sieht dieser Winter aus? Welche Ängste gehen mit ihm einher und was erzählt dieser über unsere Zeit, unsere Gesellschaft und über uns selbst? Können wir lernen diese Ängste als Potenziale zu sehen? Wie?
Zum Auftakt des Veranstaltungszyklus Puls von Muri mit dem ersten Themenabschnitt Angst findet passend zur Jahreszeit ein kleines Winterreise-Festival statt, bei dem Schuberts Winterreise insgesamt vier Mal in ganz unterschiedlichen Fassungen und Besetzungen zu erleben sein wird. Eröffnet wird das Festival mit einem klassischen Winterreise-Liederabend, dicht gefolgt von einem Arrangement der Winterreise für Jazzformation, einer szenischen Adaption des Zyklus im Dialog mit deutscher Gegenwartslyrik und einem Kammerkonzert mit einer komponierten Interpretation für kleines Orchester und Tenor. Ergänzt wird das Programm durch ein Impuls-Gespräch mit gastierenden Künstlerinnen und einen gemeinsamen Spaziergang durch den Murianer Winter.
Angst kann lähmend, aber auch mobilisierend wirken. Der Themenblock Widerstand setzt sich mit der Frage auseinander, inwiefern Angst zu Widerstand führen und eine durchaus treibende und auch politische Kraft entfalten kann. Leben und Werk der beiden Komponisten Dmitri Schostakowitsch und Mieczysław Weinberg sind beide miteinander verwoben und verkörpern das Spannungsverhältnis von Angst und Widerstand paradigmatisch.
Während Schostakowitsch in Russland die innere Emigration wählte, musste Weinberg als polnischer Jude bei der deutschen Invasion in Polen in die Sowjetunion fliehen. Beide Komponisten verband eine enge Freundschaft aufgrund gegenseitiger künstlerischer Wertschätzung und biografischen Parallelen. Schostakowitsch, der unter dem Stalin-Regime in ständiger Angst vor Verhaftung, Deportation und Hinrichtung zeitweise in Kleidern und mit gepacktem Koffer schlief, setzte sich mehrfach unter Einsatz grosser Zivilcourage für Weinberg ein. So erwirkte Schostakowitsch für seinen Freund nicht nur dessen Moskauer Aufenthaltsgenehmigung, sondern erbat nach Weinbergs Inhaftierung im Rahmen von Stalins Judenhetze auch persönlich und brieflich Weinbergs Freilassung beim Geheimdienst. In ihrem Schaffen mussten beide Komponisten den Anforderungen des sozialistischen Realismus entsprechen und Rückschläge wie Zensur und Aufführungs-Boykott ihrer Werke einstecken. Beide komponierten trotz schwieriger Verhältnisse unvermindert weiter, schrieben sich in ihre Musik ein und gingen immer wieder Wagnisse ein.
Im Komponieren von Streichquartetten lieferten sich Schostakowitsch und Weinberg einen freundschaftlichen Wettstreit und inspirierten sich stark gegenseitig. Während ihre sinfonischen Werke mit grösserer Öffentlichkeitswirkung eher die grossen, feierlichen Themen der Zeit verhandeln, schlägt ihre Kammermusik einen besonders persönlichen Ton an und bietet Einblicke in ihr inneres Aufbegehren angesichts eines Klimas der Angst. Nicht zuletzt anlässlich Schostakowitschs 50. Todesjahr werden im Rahmen zweier Kammerkonzerte und eines Impuls-Gesprächs sowohl widerständige und todesahnende Streichquartette als auch die einzigen Klavier-Quintette beider Komponisten zu hören sein. Das gastierende Quatuor Danel hat mehrere von Weinbergs Werken uraufgeführt und ist mit der Rezeptionsgeschichte beider Komponisten eng verflochten.

Wut schreit. Sie staut sich auf, wächst, sucht ein Ventil. Oft entsteht sie dort, wo Worte fehlen, wo Grenzen überschritten werden, wo Ohnmacht zu lange ertragen wird. Manchmal richtet sie sich nach aussen und tritt heftig und unkontrolliert zutage, manchmal wendet sie sich als ständiger Druck nach innen und bleibt verborgen. In unserer Gesellschaft und Kultur wird Wut selten willkommen geheissen. Sie gilt als unberechenbar und daher gefährlich. Doch vielleicht liegt genau darin ihr Potenzial: Sie rüttelt auf, versetzt in Bewegung und verweigert sich der Anpassung und dem Ausharren in widrigen Zuständen. Im Herbst 2025 widmet sich der Veranstaltungszyklus Puls von Muri dieser Kraft. In einer Trilogie von Veranstaltungen Flammen, Glut und Asche werden verschiedene Aspekte von Wut musikalisch ausgelotet. Dabei wird Wut entfesselt, reflektiert und aufgefangen. Der Fest- und Singisen Saal wird so zum Ort der Begegnung mit einer Energie, die gleichermassen Erleichterung sucht und unbequem ist - ob zu Recht oder zu Unrecht. Wut ist nicht das Ende von Vernunft – sie kann der Anfang von Klarheit sein. Vielleicht beginnt Veränderung mit Dissonanz.
Wut lodert auf. Wenn Stimmen sich zu Flammen erheben, entsteht ein Momentum, das nicht überhört werden kann. Das Eröffnungskonzert der Wut-Trilogie widmet sich der eruptiven Kraft von Wut und zielt dort hin, wo sie sich Bahn bricht, hör- und greifbar wird. In Arrangements für Klavierquartett und Sopran treffen Figuren aus Mozarts Opern aufeinander: Frauenfiguren, die sich zur Wehr setzen und rebellieren, sich zornig und verletzlich zeigen. In der Gegenüberstellung mit Aribert Reimanns expressivem Solostück für Sopran, einer Vertonung von Sylvia Plaths „Lady Lazarus", flammt ein moderner Blick auf und beleuchtet dieses Aufbegehren nicht nur aus feministischer, sondern auch aus religiöser und politischer Perspektive: Einem Phönix gleich stirbt die Protagonistin mehrfach den Feuer-Tod und aufersteht immer wieder aufs Neue aus der Asche, um Feinde, Teufel und Nazis - allesamt Herren - aufzufressen. In Mozarts berühmtem Klavierquartett in g-Moll hallen die vernommenen Stimmen sinngemäss nach und deuten und geben den Blick frei auf das, was bleiben soll. Hier trifft klassische Ordnung auf moderne Radikalität. Der Abend entfacht ein Feuer – nicht nur musikalisch, sondern auch im Denken: Vor dem Konzert findet ein Impuls-Gespräch mit Katja Maderer und Amadeus Wiesensee statt, in dem die Thematik des Abends ausführlich besprochen wird: Wut als Ausdruck von Würde, Widerstand und Wandlung.
13.09.25 – 16:30 Uhr: IMPULS-Gespräch – Katja Maderer, Amadeus Wiesensee, Pascal Hüppi
13.09.25 – 19:30 Uhr: Kammerkonzert – Katja Maderer, Amadeus Wiesensee, Mischa Nodel, Louis Vandory, Valentin Lutter
Glut glimmt. Wenn die Flammen zurückweichen, bleibt Glut: eine tieferliegende, still brennende Kraft. Das zweite Konzert lotet Wut als Narrativ und Poesie aus – erzählend, verdichtet, durchwirkt von Emotion und Erinnerung. Im Wechsel folgen ausgewählte Mörike-Lieder von Hugo Wolf auf Balladen von Carl Loewe. In der ersten Hälfte des Liederabends etablieren Loewes schwelgerische Balladen eine heile Welt, die von aufgewühlten Liedern von Wolf durchbrochen wird. Nach der Pause wendet sich das Blatt und es entfalten nun Loewes Balladen düstere Bilderwelten voller archaischer Dramatik, in denen Unrecht und Rache, Schuld und Verlust verhandelt werden. Ihnen gegenüber stehen dann Wolfs vielschichtige Lieder, die mit stiller, oft spirituell getönter Intensität antworten. Der Kontrast der beiden Komponisten wird zur Reibungsfläche einerseits zweier musikalischer Temperamente und andererseits zweier textlicher Ausgestaltungen: Das Lineare trifft auf das Komplexe - während die Loewe-Balladen einen stark narrativen Charakter aufweisen, zeichnen sich Wolfs Lieder nach Eduard Mörike, dessen 150. Todestag auf dieses Jahr fällt, durch ihre poetische Dichte aus. Ein Abend voller Kontraste – zwischen Idyll und innerer Unruhe, zwischen Aufruhr und Nachklang, zwischen Gewalt und Ahnung von Versöhnung. Glut ist der Zustand nach dem Ausbruch, aber noch vor wortloser Stille. Sie setzt Wärme und Hitze gleichermassen frei. Im Impulsgespräch mit Jonas Müller und Gerold Huber wird über diese Facetten des lieblichen und entfesselten Glühens und über das Aufeinandertreffen von Loewe und Wolf nachgedacht.
25.10.25 – 16:30 Uhr: IMPULS-Gespräch – Jonas Müller, Gerold Huber, Pascal Hüppi
25.10.25 – 19:30 Uhr: Liederabend – Jonas Müller, Gerold Huber
Asche schweigt. Sie ist das, was nach jedem Feuer zurückbleibt und zugleich das Neue gebären kann. Im letzten Konzert der Konzert-Trilogie wird Wut nicht mehr sprachlich artikuliert, sondern durchlebt. In einem rezitalliken Setting ohne Worte wird das Klavier zum Medium kollektiver Wut im Wechsel mit dem inneren Echo angesichts der brutalen Maschinerie des Kriegs. Beethovens lyrische Variationen, Chopins fragile Nocturne, Prokofjews Kriegssonate und Debussys winterlich-schwebende Miniatur erzählen gemeinsam von Vernichtung und dem Weg durch die Trümmer. Prokofjew markiert den Höhepunkt unglaublicher Zerstörungswut – ein akustischer Kulminationspunkt von Überforderung und Gewalt. Debussys "Schritte im Schnee" verkommen zu Schritten in der Asche. Erst dann öffnet sich der Blick: auf Stille, Leere, auf eine ungewisse Hoffnung, vielleicht auch auf eine neue Ordnung. Und so schliesst sich schliesslich der Kreis zum ersten Konzert der Wut-Trilogie: Einem Phönix gleich ist Asche vielleicht nicht das Ende – sondern der Anfang von etwas Neuem.
29.11.25 – 19:30 Uhr: Klavierrezital – Marija Bokor

Trauer vermag sich auf die Welt zu legen wie ein Schleier. Meist die Folge eines Verlusts, ist sie das Echo auf etwas, das zu Ende gegangen ist – ein Leben, eine Liebe, eine Gewissheit. Manchmal bricht sie unerwartet über uns herein, manchmal kündigt sie sich ganz subtil lange im Voraus an. Trauer kann lähmen, aber auch für Mitgefühl, für Einsicht und für Wandlung öffnen. Während in manchen Kulturen laut und kollektiv wehgeklagt wird, trauert man in anderen leise und zurückgezogen oder tabuisiert und verdrängt die Emotion gänzlich. So haben sich über die Zeiten hinweg unterschiedliche kulturelle Strategien des Umgangs mit Trauer herausgebildet. Letztlich aber muss jeder einzelne Mensch seinen eigenen Weg der Heilung finden.
Im Rahmen des Veranstaltungszyklus Puls von Muri bieten zwei Konzerte und Impulsgespräche im Jahr 2026 Räume und Anknüpfungspunkte für diese vielschichtige Emotion. In zwei Konzertprogrammen mit darauf abgestimmten Impulsgesprächen – Verlust und Trost – wird Trauer in unterschiedlichen Gestalten erlebbar: als Erschütterung und als Verwandlung, als Schmerz und als Möglichkeit von Heilung. Musik wird dabei zum Medium, durch das Trauer nicht nur erinnert und schmerzt, sondern auch reinigt und verwandelt. Sie führt durch das Tal der Tränen hin zu einem neuen Hören, einem neuen Fühlen, einem neuen Anfang.
Impulsgespräch
16.30 Uhr – Singisen Saal
Thomas Macho – Kulturwissenschaftler und Philosoph
Pascal Hüppi – Ressortleiter, Moderation
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Verlust hinterlässt Fragen. Das Gespräch spürt ihnen nach: zwischen Vergänglichkeit und Neubeginn, zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Erinnerung. Im Rückblick auf Wien um 1900 wird sichtbar, wie Umbruch und Sehnsucht, Ende und Aufbruch zusammenfallen – und was sich daraus für unsere Gegenwart lesen lässt.
Kammerkonzert
19.30 Uhr – Festsaal
Annabel Kennedy – Mezzosopran
Felix Gygli – Bariton
Klaus Simon – Klavier
Gevorg Gharabekyan – Dirigent
Ad Hoc Muri – Kammerensemble
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Wo etwas zu Ende geht, öffnet sich eine Wunde. Das erste Konzert des Trauer-Abschnitts führt in das Herz dieser Erschütterung – dorthin, wo Schmerz aufklafft und Schönheit in die Bresche springt. Um 1900, im Wiener Fin de Siècle, spiegelte sich dieses Lebensgefühl in der Musik von G. Mahler, E. W. Korngold und A. Berg. Ihre Lieder erzählen vom Vergehen und vom Aufbruch, vom Bewahren und Loslassen. In kammermusikalischen Bearbeitungen entfalten sie eine neue, intime Kraft – eine Musik, die trauert, verwandelt und entrückt.
Impulsgespräch
16.30 Uhr – Singisen Saal
Peter Schneider – Psychoanalytiker und Autor
Oliver Schnyder – Pianist
Pascal Hüppi – Ressortleiter, Moderation
Tickets
Nach einem Verlust folgt auch die Suche nach Halt. Das Gespräch widmet sich der Frage, wie Menschen Trost erfahren – in sich, in Begegnungen, in der Kunst. Es beleuchtet innere Prozesse von Resonanz und Heilung und fragt, wie Musik zum Ort werden kann, an dem Schmerz sich verwandelt und neue Ruhe findet.
Klavierrezital
19.30 Uhr – Festsaal
Oliver Schnyder – Klavier
Tickets
Wenn Trauer einzieht, wächst die Sehnsucht nach Linderung. Musik kann sie stillen – nicht, indem sie vergessen macht, sondern indem sie verwandelt. F. Schubert war ein Meister dieser Verwandlung. In seinen späten Klaviersonaten, vollendet im Angesicht des Todes, begegnen sich Schmerz und Versöhnung, Dunkelheit und Licht. Das Klavierrezital «Trost» führt in diese zarte Zwischenwelt, in der Musik gleichermassen verwundet und antwortet – leise, weit und menschlich. Schuberts Musik wird zum Raum, in dem Trauer nicht endet, sondern sich wandelt.
Details folgen zu einem späteren Zeitpunkt.