Tom Harrell Quintet (USA)

feat: Wayne Escoffery, Danny Grissett, Ugonna Okegwo & Johnathan Blake

Sonntag, 26. August 2012, 20.30 Saal Hotel Ochsen
Tom Harrell: trumpet, fluegelhorn
Wayne Escoffery: tenor saxophone
Danny Grissett: piano, fender rhodes 
Ugonna Okegwo: bass 

Johnathan Blake: drums


Der Lyriker unter den Musikern.


Wie jeder bezeugen kann, der den 62-jährigen Trompeter einmal live erlebt hat, meistert er sie mit Bravour. Wenn er nicht in die Trompete bläst, dann steht er scheinbar teilnahmslos mit leerem Blick auf der Bühne und senkt den Blick. Nähert er sich aber wieder dem Mikrofon, wird der Hebel schlagartig umgelegt und ein Schwarm hauchzart intonierter Töne verlässt den Trichter, die sich zu mit beeindruckender Logik geformten Motivketten reihen.


Doch bereits Kleinigkeiten, die nicht in den geregelten Ablauf eines Konzertes passen, vermögen Harrell durcheinanderzubringen. Seine Mitmusiker erzählen, dass er Soli schnell beendet, wenn jemand aus der Band oder dem Publikum spricht. Harrell denkt dann, niemand wolle ihn hören, und bricht folgerichtig sein Solo ab. Ähnliches passiert in Gesprächen. Auf eloquente Ausführungen folgen Momente der Stille, der Irritation. Auf die Frage, was ihm an seiner Band gefällt, antwortet Harrell unverbindlich »ihre Kreativität und ihr Feeling«.


Aber so, wie Harrells Trompetensoli sich behutsam entwickeln, entwickelt sich auch das Interview. »Was ich hoffentlich mit meinen neuen Songs erreicht habe, ist, einen Rahmen zu schaffen, der eine gewisse Stimmung vorgibt, aber den Musikern die Freiheit lässt, sich auszudrücken«, sagt Harrell nun auskunftsfreudiger. Die Musiker sind dieselben, die schon auf Harrells viel gepriesenen Vorgängeralbum Light On spielten: Das facettenreich und punktgenau agierende Rhythmusgespann Ugonna Okegwo (b) und Jonathan Blake (dr), Danny Grissett (p, fender rhodes) sowie der brillante Sopran- und Tenorsaxofonist Wayne Escovery.


»Ich spiele nicht für mich alleine, sondern für die Leute. Ich schätze die Live-Atmosphäre«, verrät Harrell. »Selbst im Studio stelle ich mir vor, ich würde vor einem richtigen Publikum spielen.« Ein Konzept und Standpunkt, das den acht Eigenkompositionen auf Prana Dance deutlich anzuhören ist. Ihnen allen gemeinsam ist eine fast tranceartige Qualität, eine Reduktion auf simple melodische Motive, die sich im Improvisationsprozess organisch entwickeln. Songs wie »Ride« oder »Prana Dance« basieren auf zwei oder drei Noten und skelettierten harmonischen Strukturen. Eine Vorgehensweise, die an einen gewissen anderen Trompeter erinnert, und Harrell bestätigt: »Miles Davis war ein großer Einfluss. Er war der Wegbereiter für diese Art von Musik.« Welches Miles-Album Harrell zuletzt gehört hat? Miles In the Sky (1968). Dies erklärt den vermehrten Einsatz des Fender Rhodes auf Prana Dance. »Das Fender Rhodes hat diese unterschiedlichen, wunderschönen Klangfarben«, sagt Harrell und verweist in diesem Zusammenhang »auf den historischen Hintergrund« der Sechziger und Siebziger, als der Jazz sich Rock, Funk und Latin öffnete: »Es war eine spannende Zeit. Ich lebte damals in San Francisco, und die Bay Area war ein Schmelztiegel, in dem verschiedene Musikstile zusammenfanden. Diese Offenheit gefällt mir. Ich sehe meine Musik als Weiterentwicklung dieser Periode.«


Neben Jobs bei Phil Woods, Woody Hermann, Horace Silver, Bill Evans, Gerry Mulligan und vielen andern Jazzgrößen spielte Harrell auch in Latin- und Funk-Bands wie Santana, Azteca und Cold Blood. Sogar der Blechblas-Disco-Hitmaschine Players Association lieh Harrell seine Chops. Eine peinliche Erfahrung? »Nein, es hat mich musikalisch weitergebracht. Ich bin offen für alle Arten von Musik: brasilianische Musik, Soul oder sogar HipHop. Alle Musik hat ihren Wert, solange sie dich inspiriert.«


Hätte Tom Harrell eine Wunsch frei, er würde »ein Album mit einem großen Orchester mit außergewöhnlicher Instrumentierung« einspielen, »so etwas in der Art wie Gil Evans, aber es müsste etwas sein, was es noch nie gegeben hat«. Doch auch ohne die Erfüllung dieses Traums ist Harrell glücklich: »Ich habe eine fantastische Band. Sie hat ein enormes Potenzial und spielt auf einem sehr hohen Level. Sie ist für mich in meiner Lebenssituation enorm aufbauend und inspirierend.«


Tom Harrell spricht nun nicht mehr so leise wie zu Anfang des Gesprächs. Er erzählt von seinem ersten Trompetenlehrer, der ihn klassisch ausbildete, vom Internet, das jungen Musikern viele Möglichkeiten gibt, sich zu informieren, und über seine Sechs-Tage-Woche mit seinem Quintett im New Yorker Village Vanguard. Unglücklich wirkt er dabei nicht. Aber bescheiden. Dabei hat Harrell unbestritten seinen Platz im Olymp der blauen Noten gefunden - als einer der großen Lyriker des Jazz.